Werden Städte wieder zum Motor eines modernen Staates?
Dieser Artikel ist Teil der Reihe Creative Bureaucracy Festival Spotlight, die Ideen, Initiativen, Perspektiven und offene Debatten zur Zukunft von Staat und Verwaltung beleuchtet. Geleitet von der Überzeugung, dass eine bessere Verwaltung die Demokratie stärkt, schafft die Reihe Raum für neue Denkansätze, kritische Fragen und einen Dialog darüber, wie öffentliche Institutionen den Menschen und der Gesellschaft besser dienen können.
Von Bernd Fesel
Veröffentlicht: 17. September 2026
Städte und Kommunen sollen mehr Verantwortung übernehmen und mehr Freiraum erhalten, um eigene Lösungen zu entwickeln. Aktuelle Impulse aus Großbritannien und Nordrhein-Westfalen geben dieser Debatte neuen Schwung. Für das Creative Bureaucracy Festival steht dahinter eine zentrale Frage: Wie können Veränderungen vor Ort zur Modernisierung des gesamten Staates beitragen?
Ob Wohnen, Mobilität, Klimaanpassung oder öffentliche Dienstleistungen: In Städten und Gemeinden treffen politische Entscheidungen auf den Alltag der Menschen. Hier zeigt sich, ob Maßnahmen zusammenpassen und welche Lösungen tatsächlich funktionieren. Deshalb lohnt es sich, Staatsmodernisierung stärker von der kommunalen Ebene aus zu denken.
„Place First“: Politik vom Ort her denken
Einen solchen Perspektivwechsel beschreiben Peter Kurz, ehemaliger Oberbürgermeister von Mannheim, und Philipp von der Wippel, Gründer von ProjectTogether, in ihrem Gastbeitrag im Handelsblatt. Unter dem Leitgedanken „Place First“ stellt der britische Premierminister Andy Burnham die Wirkung von Politik vor Ort in den Mittelpunkt. Städte und Regionen sollen mehr Gestaltungsmacht erhalten. Zugleich sollen unterschiedliche Politikfelder stärker zusammenwirken: Was in einzelnen Ressorts geplant wird, muss im Lebensumfeld der Menschen ein stimmiges Ganzes ergeben.
Nordrhein-Westfalen schafft Raum für kommunale Experimente
Auch Nordrhein-Westfalen will kommunale Handlungsspielräume erweitern. Im Mai 2026 hat die Landesregierung ein Maßnahmenpaket zum Bürokratieabbau auf den Weg gebracht. Ein Bestandteil ist das geplante kommunale Regelbefreiungsgesetz. Es soll Städten und Gemeinden ermöglichen, sich auf Antrag und mit Genehmigung des zuständigen Fachministeriums zeitlich begrenzt von bestimmten landesrechtlichen Vorgaben befreien zu lassen.
So könnten Kommunen beispielsweise neue Ansätze in der Verwaltungsorganisation oder bei digitalen Dienstleistungen erproben. Bewähren sich die Lösungen, sollen sie in das Landesrecht übernommen werden können. Damit eröffnet das Vorhaben eine wichtige Verbindung zwischen lokalem Experiment und dauerhafter Veränderung staatlicher Strukturen. Einzelheiten erläutert die Landesregierung Nordrhein-Westfalen.
Städte als Orte der Kreativität und Veränderung
Die Idee, Städte als Ausgangspunkt gesellschaftlicher Erneuerung zu verstehen, hat eine lange Geschichte. Charles Landry, Mitbegründer des Creative Bureaucracy Festivals, plädierte bereits 2006 in The Art of City Making dafür, Stadtentwicklung als kreativen und gemeinschaftlichen Prozess zu begreifen. Mit seinem neuen The Art of City Making: A Manifesto greift er diese Gedanken erneut auf. Dazu gehört auch eine Verwaltungskultur, die Möglichkeiten eröffnet und gemeinsam nach Wegen sucht, gute Ideen umzusetzen.
Lebenswerte Städte brauchen kreative Bürokratie
Für uns zeigen diese Ansätze, wo eine entscheidende Aufgabe liegt: Kommunen brauchen die Befugnisse, Ressourcen und das Vertrauen, um ihre Gestaltungsspielräume nutzen zu können. Ebenso wichtig sind Räume, in denen sie Erfahrungen teilen, aus gescheiterten Versuchen lernen und erfolgreiche Lösungen für andere nutzbar machen.
Lebenswerte Städte brauchen kreative Bürokratie. Deshalb wird die Frage, wie Städte und Kommunen mehr Verantwortung, Gestaltungsspielräume und Innovationskraft gewinnen können, einer der Schwerpunkte des Creative Bureaucracy Festivals 2027 sein. Wir wollen diskutieren, welche Freiheiten vor Ort einen Unterschied machen und wie aus einzelnen Innovationen eine nachhaltige Veränderung öffentlicher Institutionen entsteht.
Dafür suchen wir Perspektiven und Beispiele aus Deutschland und der Welt: Wo erhalten Kommunen bereits mehr Gestaltungsmacht, und was lässt sich daraus lernen? Kontaktieren Sie uns und teilen Sie Ihre Erfahrungen und Ideen mit uns.
ÜBER DEN AUTOR
Bernd Fesel hat Volkswirtschaft und Philosophie in Heidelberg und Bonn studiert. Durch die Bekanntschaft mit Prof. Gerhard Hoehme, Kunstakademie Düsseldorf, motiviert, wurde er 1990 Galerist und später dann Geschäftsführer des Deutschen und des Europäischen Galerienverbandes.
Danach gründete er eine Messe für Nachwuchskünstler und einen Dienstleister für Kunsttransporte. 2004 gründete er die Deutsche Jahrestagung Kreativwirtschaft in Berlin und anschließend den European Creative Industries Summit.
Von 2007 bis 2018 war er im Ruhrgebiet tätig, zunächst als stellvertretender Direktors der Kulturhauptstadt Europas im Ruhrgebiet, RUHR:2010, und anschließend als Senior Advisor des Legacy-Instituts, des Europäischen Zentrums für Kreativwirtschaft in Dortmund. 2011 initiierte er das European Creative Business Netzwerk, heute Creative FED, und leitete es später als Direktor.
Zuletzt war Bernd Fesel Gründungs-CEO der EIT Culture & Creativity, einer europäischen Partnerschaft zur Förderung von Innovationen in der Kreativwirtschaft. EIT Culture & Creativity hat seinen Sitz in Köln und regionale Hubs in Amsterdam, Barcelona, Bologna, Helsinki, Košice und Wien.
ÜBER DAS CREATIVE BUREAUCRACY FESTIVAL
Auch in der öffentlichen Verwaltung gibt es hervorragende, kreative Lösungen für nahezu jede gesellschaftliche Herausforderung. Das Creative Bureaucracy Festival bringt sie auf die Bühne und die Menschen dahinter miteinander ins Gespräch. In den Worten seines Präsidenten Charles Landry steht das Festival für den Wandel von einer „Nein, weil“-Kultur zu einer „Ja, wenn“-Kultur, die neue Ideen mit Begeisterung aufgreift. Mit der Verleihung der Creative Bureaucracy Awards möchte das Festival zudem das öffentliche Ansehen der Verwaltung stärken.
Das Global Forum of Public Service Leaders, das am Vortag des Festivals beginnt, ist das jährliche Treffen von Führungskräften aus dem öffentlichen Sektor aus aller Welt. Das Young Bureaucrats Forum richtet sich an die nächste Generation kreativer Talente in der Verwaltung.
Weitere Informationen unter creativebureaucracy.org.